Der Versuch zu begreifen woran ich glaube (Tao Te King)

Der Zauberer glaubt den Lauf der Zeit zu betrachten.

Worte die ich dafür finden kann, sagen kaum was ich glaube.
Namen die ich dem geben kann, bedeuten nie was ich glaube.
Doch ohne Namen ist was ich glaube unbegreiflich.
Benenne ich es, beschränke ich es auf begreifbare Teile.
Ohne Verlangen nach Verständlichkeit ist das Unbeschränkbare benennbar: die Wahrheit.
Mit jenem Verlangen beschränke ich das Benennbare auf das Fassbare: die Wirklichkeit.
Wahrheit und Wirklichkeit, durch benennen begrenzte Teile – untrennbar, einander bedingend.
Das ist der Versuch es zu begreifen:
Der Widerspruch durch Begrenzung um zu verstehen
ist der Ursprung von allem.
Von allem woran ich glaube.

Wenn ich das Schöne erkenne, erschaffe ich das Hässliche.
Benenne ich das Gute, kreiere ich das Schlechte.
So erschafft das Existente die Idee des Abhandenen.
Die Idee des Schweren, ermöglicht das Leichte.
Das Kurze macht es möglich das Lange zu unterscheiden.
Der Abstand zwischen Großem und Kleinem erschafft die beiden.
Erst der Unterschied von Tönen ermöglicht eine Melodie.
Die Trennung von Vorher und Nachher erschafft die Idee der Zeit.

Würde ich dies wirklich begreifen,
könnte ich bedingungslos leben
und würde ohne Denken verstehen.
Was geboren wird, würde ich entstehen lassen.
Was verschwindet würde ich gehen lassen.
Ich hätte alles ohne etwas zu besitzen.
Ich würde handeln und nichts erwarten.
Was ich liebe und erschaffe, würde ich frei lassen,
und so könnte es für immer bestehen.

Doch verehre ich nur das Großartige,
geringschätze ich das Einfache.
Verherrliche ich das Wertvolle,
erzeuge ich dadurch nur Neid.
Sehe und zeige ich nur das Schönste,
erzwinge ich dies auch von anderen.

Würde ich dies wahrhaftig begreifen,
könnte ich mich von meinen Gedanken befreien,
wieder Kind sein,
zurück zu meiner inneren Stimme finden,
meine Maske ablegen
und meinen eigensten Weg gehen.

Ich könnte Gedankenkäfige durchbrechen,
und die Illusion meines Verlangens durchschauen.
Ich müsste vermeintlich gute Gedanken nicht
durch vermeintlich gutes Handeln beweisen.
Ohne etwas zu unternehmen, käme ich zur Ruhe.

Woran ich glaube ist also nichts
und doch funktioniert es immer.
Denn das Leere ist immer voll ungeahnter Möglichkeiten.
Es ist überall verborgen, aber in allem präsent.
Ich brauche nicht zu wissen wie angefangen hat woran ich glaube,
denn es ist der Ursprung all meiner Geschichten.

Wahrheit und Wirklichkeit sind wertfrei,
ihnen entspringen alle Möglichkeiten.
Würde ich dies begreifen,
bräuchte auch ich nicht zu urteilen
und wüsste, jeder Mensch ist zu allem fähig.

Wahrheit und Wirklichkeit sind wie die Lunge:
Sie sind leer ohne zusammen zu fallen,
erst durch ihre Benutzung sind sie zweckerfüllend.
Ohne könnten wir nicht über sie sprechen.
Aber Vergleiche schleifen.

Was ich glaube erschafft sich ständig aufs neue.
Es ist das Geheimnis des Gebärens:
Eine Mutter, die eine Mutter gebiert,
wie auch Wahrheit und Wirklichkeit sich gebären.
Das durchzieht alles, ständig:
unerschöpflich wird aus sich selbst geschöpft.

Die Wahrheit ist zeitlos gültig,
doch die Wirklichkeit ist in ewigem Wandel.
Wie kann woran ich glaube zeitlos gültig und doch in ewigem Wandel sein?
Einfach: Weder hängt woran ich glaube davon ab was ich glaube,
noch glaube ich, woran ich glaube begründen zu können.
Denn die Wahrheit hat unendliche Perspektiven
und die Wirklichkeit unendlich Bestand.

Würde ich das alles begreifen,
könnte ich mich zurück halten,
und würde doch voran kommen.
Ich könnte mich von Allem lösen,
und mir bliebe Alles erhalten.
Ich könnte mein Verlangen vergessen
und wäre vollständig erfüllt.

So wie das Wasser selbstlos ist,
alle Geschöpfe nährt ohne zu werten
und sich in Abgründe begibt die ich fürchte,
gleicht es dem woran ich glaube.
Also versuche auch ich dem Wasser zu gleichen:
Ich versuche wo ich bin, auf dem Boden zu bleiben,
tiefgründig aber einfach zu denken,
zu geben ohne zu fordern,
zu führen ohne zu fesseln,
gerecht zu sein ohne zu richten,
mein Werk zu genießen,
immer wirklich und wahrhaftig da zu sein.

Doch in Wirklichkeit,
will ich viel erreichen, muss mich aber ständig dazu zwingen.
Was mir wichtig ist halte ich fest und drohe es so zu zerreißen.
Ich pflege es nur, aber erfreue mich nie daran.
Ich will es Besitzen, und muss es deshalb immer beschützen.

Obwohl ich in Wahrheit weiß,
nur was ich loslassen kann, kann mich zufrieden machen.

Doch wie kann ich meine Sorgen zur Ruhe bringen?
Wie kann ich mich abhalten, ständig zu urteilen?
Wie kann ich die Dinge einfach geschehen lassen?
Wie kann ich vergessen, was ich meine alles zu meinen?
Wie kann ich ungehemmt tanzen, ohne alleine zu sein?

Gerne würde ich etwas entstehen lassen, für es sorgen,
etwas erschaffen, ohne es zu besitzen,
etwas tun, ohne Erwartungen zu stellen,
den Weg weisen, ohne zu kontrollieren:
Denn das ist woran ich glaube.

Das faszinierende Yin Yang Symbol

Ich stehe auf dem Boden,
doch es ist die Leere darüber in der ich mich aufhalte.
Ich brenne Töpfe aus Ton,
doch es ist die Leere im Inneren die ich fülle.
Ich baue Häuser aus Stein,
doch es ist die Leere zwischen den Wänden die ich bewohne.
Ich verwende was da ist,
doch es ist das Nichts was ich nutze.

Genauso sind es Farben, die meine Augen erblinden lassen,
sind es Töne die meine Ohren betäuben,
Geschmack betäubt meinen Geschmackssinn,
Gedanken schwächen meinen Verstand,
Verlangen lässt mein Herz vertrocknen.

Würde ich dies begreifen,
würde ich die ganze Welt wahrnehmen und genießen,
doch meiner inneren Stimme vertrauen.
Ich würde alles kommen und gehen lassen
und mein Herz wäre offen wie der Himmel.

Doch ich lasse mich von leeren Hüllen wie Erfolg und Misserfolg bestimmen.
Auch Ängste und Hoffnungen bringen mich nicht weiter.

Denn ob ich die Leiter erklimme oder hinabsteigen muss,
der Wind kann mich jederzeit von der Leiter wehen.
Nur wenn ich das Gleichgewicht halte,
kann ich auf der Leiter balancieren.
Die Hoffnung auf Oben und die Angst vor dem Fallen,
lassen mich nur fester klammern.
Beides sind Phantome die ich erschaffe,
weil ich mich um meine Position sorge.
Doch ich bin viel mehr als meine Position,
warum muss ich also Angst haben?

Wenn ich nicht für meine Position lebe,
sondern mir selbst vertraue,
würde ich lernen jeden auf der Leiter zu achten
und würde mein Leben auf jeder Stufe lieben.

So gerne würde ich begreifen woran ich glaube,
doch durch hinschauen kann ich es nicht sehen,
durch hinhorchen kann ich es nicht hören,
Wird es greifbar, kann ich es nicht fassen.
Denn es ist unbegreiflich.
Wie das Unsichtbare, wie die Stille ist es nicht messbar,
es hat keine helle und keine dunkle Seite,
keine Grenzen, ist unbenennbar.
Als Form würde es alle Formen enthalten,
als Bild alle Bilder,
als Idee, alle Ideen.
Es ist jenseits aller Konzepte.
Nähere ich mich an, finde ich keinen Anfang.
Folge ich, gibt es kein Ende.
Doch ohne es begreifen zu können,
weiß ich dass ich Teil davon bin,
denn es ist der Ursprung von allem
und damit auch meines roten Fadens.
Der Faden zur Weisheit.

Könnte ich ihm folgen,
wäre ich tiefgründig und erhaben.
Meine Heiterkeit wäre unermesslich.
Worte würden zum Beschreiben nicht reichen,
ich kann es nur erahnen:

Ich würde mein Leben mit Bedacht leben,
wie beim Überqueren eines zugefrorenen Flusses,
umsichtig wie in einem fremden Land,
höflich wie ein Gast,
nachgiebig wie schmelzendes Eis,
formbar wie ein Stück Knete,
großzügig wie ein fruchtbares Tal
und vor allem klar wie ein Glas Wasser.

Aber wie kann ich innehalten bis der Schlamm absinkt
und das Wasser sich klärt
und doch nicht erstarren und in Bewegung bleiben?

Ich versuche es, indem ich nicht auf Erfüllung hoffe,
indem ich nicht suche, nicht erwarte,
hier und jetzt bin
und alles was geschieht willkommen heiße.

Wenn ich meinen Verstand von Gedanken befreie,
und das Verlangen meines Herzens zur Ruhe bringe,
erkenne ich das Chaos der ewigen Schöpfung,
der unzählbaren Geschöpfe,
den ewigen Kreislauf von allem.
Alles kehrt zum Ursprung zurück.
Der Ursprung ist das Nichts.
Der Anfang aller Wahrheit und Wirklichkeit.

Ich hab soviel Angst und mache mir so viele Sorgen,
doch könnte ich mein Schicksal akzeptieren,
fände ich Frieden in seiner Beständigkeit.
Beständigkeit ist Geduld.
Geduld ist Güte.
Güte ist unvergänglich.
Unvergänglich ist woran ich glaube.
Würde ich es begreifen,
könnte ich heiter leben
und dann zufrieden sterben.

Tao - Chinesisches Schriftzeichen

Hinweis: Obige Zeilen sind meine freie Nacherzählung und Interpretation des Tao Te King (Daodejing).

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